Gedichte // Poems

 

Am Jabbok

Dich lasse ich nicht
vorüber, das Land, das
Wasser in der Dämmerung,
grau wird die Nacht
und der Horizont
grün, die Bäume sind
schwarze Schemen, schwer
hängst du mir im
Arm, schmerzt meine
Hüfte, kann ich dich
nicht lassen, ich nicht,
vorüber in einer
einzigen Nacht zieht
das Land, das Wasser,
die Dämmerung, die
Bäume vor dem grünen
Horizont, der Schmerz,
die schweren Arme,
ich lasse dich nicht.

 

At Jabbok River

I can‘ t let you
pass, the land, the
water at dawn,
the night becomes grey
and the horizon
green, the trees are
black schemes, you
are heavy in my
arm, hurts my
hip, I can‘ t let
you, not me,
in one single
night passes
the land, the water,
the dawn, the
trees before the green
horizon, the pain,
the heavy arms,
I don‘ t let you.

 

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Schritte abgezirkelt nah
erhellen diese wesenlose
Nacht, die spreizt das
Gefieder der Stille,
entzündet sich selbst
am kleinsten Geräusch,
fällt zurück starr
wie Basalt und ebenso
scharf an den Rändern.

 

Footsteps circling near
light up this insubstantial
night spreading the
plumage of silence,
sparks off by itself
at the tiniest sound,
falls back rigid
like basalt and just as
sharp at the edges.

 

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Dieses Jahr ist alles viel zu
früh, ausgefranst und süß
der Flieder, der rote Mohn,
das stachelige Gold der Ähren,
getrocknete Schlüsselblumen
eingelagert in Gefäßen, entfernte
Wolken überfliegen das Unmögliche,
ein Sonnenuntergang wie eine
Westernmelodie, ein Schatten auf
dem Weg unter dem Torbogen,
in der Nacht knistert wärmendes
Heu bei Berührung, am Morgen
geben kleine Kuhlen Zeugnis
von der harmlosen Lage
aller Beteiligten.

 

This year is all too
early, frayed and sweet
the lilac, the red poppy,
the bristly gold of wheat,
dried cowslips
stored in containers, distant
clouds are sailing over the impossible,
a sunset like a
western tune, a shadow on
the path under the archway
at touch crackles warming
hay by night, in the morning
small hollows bearing witness
to the harmless position
of all the parties involved.

 

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Wir sitzen in Gruppen,
Schalen an den Händen,
kauenden Mundes und
zwischen den Zehen
der Staub, hier und da
wippt eine Zigarette
im Mundwinkel, die
suchenden Augen haken
sich fest an Kieseln,
an Scherben, die bunt
auf dem Weg blinken,
wie Edelsteine in
einem grauen Tuch,
der Weg, an dessen
Böschung wir sitzen
und warten auf die
Kraft für den nächsten
Schritt.

 

We sit in groups,
shells on the hands,
mouth chewing and
between the toes
the dust, here and there
a cigarette bob up and down
at the corner of a mouth, the
searching eyes got
caught on pebbles,
on broken glass gleaming
colourful on the way,
like precious stones in
a grey cloth,
the way on which
embankment we sit
and wait for the
power to the next
step.

 

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Steh nun auf und
streich den Rock glatt,
schüttel aus den
Falten den Rauch
und sieh ein
kleines, helles Bild,
mit dunklen Rändern,
bleibt im Augenwinkel
dieser Augenblick.

 

Stand up now and
smooth down the skirt,
shake the smoke
out the folds
and look a
small, light picture
with dark edges
is this moment
at the corner of the eye.

 

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(nach H. M. Rauchfuss)

Fische füttern im Park,
die schweben in den Zweigen
hoch oben
grün, blau und orange,
die Flossen
wie Federn gespreizt,
die Wolken
wie gezupfte Wolle
am Himmel.

 

Feeding fishes in the park,
they float in branches
high above

green, blue and orange,
fins
like feathers fanned out,
clouds
like plucked wool
in the sky.

 

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Die Turmfalken
kreisen unter
blaugrauen Wolken.

Sie schreien
und erschrecken
die Tauben.

 

The kestrels
circle under
blue-grey clouds.

They shriek
and scare away
the doves.